Wie ticke ich? | Lernen

Lernen

Auf Grund unserer individuellen Persönlichkeitsprofile haben wir auch unterschiedliche Bedürfnisse, wie wir Informationen präsentiert bekommen wollen und wie wir Inhalte am besten aufnehmen. Es gibt keine Beweise, dass Lerntypen existieren, denn die meisten Untersuchungen konnten keine spezifischen Lerntypen nach dem Motto akustischer, visueller oder haptischer Lerntyp feststellen. Die erfolgreichste Art des Lernens besteht aus aktiver Assoziation und der Reduktion von Lerninhalten auf Bekanntes.

Die Hirnforschung ist heute viel weiter. Empirische Forschung ist gefragt – die gab es nicht, als Lerntypen eingeteilt wurden. Das Gehirn ist ein Organ der Mustererkennung und der Musterentwicklung. Und da ist es wichtig, wie die Entwicklung beginnt. Kinder sollen sich von Anfang an möglichst vielfältig ihre Welt erschließen können, und keinesfalls nur mit einem Licht- und Klangteppich aus dem Fernseher. Ganzmenschlich, vielfältig!
[…] alles was in uns steckt, ist Produkt des Lernens in der Kultur. Ich kann nicht unterscheiden zwischen mir und meinem Gehirn. Ich bin mein Gehirn. Wenn ich ein Gehirn transplantiere, dann wacht der Spender, nicht der Empfänger auf.
Manfred Spitzer

 

Wir lernen, indem wir beobachten, (aus)probieren, zuhören und Dinge nachmachen/nachahmen – Lernen findet im Kopf statt. Lernen ist als ein aktiver Vorgang zu verstehen, in dessen Verlauf sich Veränderungen im Gehirn des Lernenden abspielen. Wer Lernen als Aktivität versteht, denkt auch darüber nach, unter welchen Rahmenbedingungen diese Aktivität am besten stattfinden kann. Es ist Unfug zu glauben, wir könnten unsere Zeit in „Lernen“ und „Nicht-Lernen/Freizeit“ einteilen – das menschliche Gehirn lernt immer. Das, was oft passiert, ist, dass wir einerseits etwas von uns Festgelegtes oder etwas uns Vorgegebenes mit meist wenig Freude und wenig Effektivität lernen. Und auf der anderen Seite geben wir die Entscheidung an Dritte (TV-Sender, Filmindustrie, Social Media, Freizeitgestalter, etc.) oder den Zufall ab.

 

Flüchtige Eindrücke der Außenwelt hinterlassen im Hirn Spuren: man spricht von Repräsentationen. Diese werden von den Nervenzellen im Gehirn, in Abhängigkeit von der Umgebung, ausgebildet und verändert. Repräsentationen sind von der Wahrnehmung gelieferte Bilder, Handlungen, Zusammenhänge, Werte, Ziele, Worte und vieles mehr. Auch unser Körper, also das, was wir am und im Körper spüren, ist im Gehirn repräsentiert. Ein Neuron kann also für etwas Beliebiges stehen, wenn dieses Etwas aktivierbar ist (eine Zelle, die immer dann aktiv wird, wenn wir etwas Bestimmtes sehen oder daran denken). Das menschliche Gehirn ist für das Lernen optimiert und lernt verknüpft mit (positiven und negativen) Emotionen schnell Neues. Der „Mandelkern“ im Gehirn reagiert sehr rasch auf Augenimpulse. So schaltet das Gehirn auf Gefahr und Muskelaktivität, noch bevor eine Bedrohung, z.B. als Schlange, identifiziert ist. Angst macht einen engen Fokus und führt zu schneller Reaktion, was für unser Überleben äußerst wichtig war, sie schließt aber Kreativität aus.

 

Auf der einen Seite ist die Spezies Mensch diejenige, die am besten und meisten lernt, auf der anderen Seite lehnen die meisten erwachsenen Menschen das Lernen ab oder haben Angst davor. Warum?

 

Laut Manfred Spitzer erklärt sich dieser Widerspruch durch die Tatsache, dass Lernen mit Änderung verbunden ist. Wenn wir wirklich Neues lernen, bleiben wir nicht genau dieselben – wir verändern uns. In biologischen Systemen ist Lernen gar nicht anders möglich. Nun haben wir auch ein Bewusstsein von uns selbst, unserem Empfinden, unserer persönlichen Geschichte, unseren Grenzen und unserer Endlichkeit. Für Kinder stellt das kein Problem dar, da sie gerade dabei sind, ihre Identität aufzubauen. So lernen sie alle 90 Minuten ein neues Wort, angstfrei und ohne zu „büffeln“. Wer aber schon in sich gefestigt ist, sich selbst zu kennen glaubt und sich seiner Identität sicher ist, den bringt Neues zumindest potentiell aus dem Gleis.

 

 

Spitzer, Manfred im Interview mit oeli-ug
Spitzer, Manfred: Lernen: Gehirnforschung und die Schule des Lebens
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Gehirnforschung, Lernen, Wie ticke ich?