Wie viele bin ich? | Rollenmuster

Rollenmuster

Zu jedem Zeitpunkt, also im Hier und Jetzt, gibt es nur ein unverfälschtes Sein, es sind jedoch jederzeit verschiedene Rollenmuster möglich. Michael Depner unterteilt in die unausweichlichen Rollen, die durch Verwandtschaftsverhältnisse bestimmt sind (Mutter, Tochter, Schwester …), und die wir nicht ablegen können, selbst wenn wir die Erfüllung der jeweiligen Rolle verweigern; er nennt sie „existenzielle Rollen“. Rollen, die durch biologische Faktoren, das soziale Umfeld, durch zwischenmenschliche Vereinbarungen und durch Fähigkeiten (Informations-Designerin, Partnerin, Nachbarin …) bestimmt sind, sind „soziale Rollen“. Und „psychologische Rollen“ spielen wir bewusst oder unbewusst, um durch ihre jeweils spezifische Wirkung bestimmte Effekte, bzw. persönliche Vorteile zu erzielen (strukturierte Durchblickerin, Provokateurin, armes Opfer …).

 

Wir Erwachsenen entwerfen eine Idee davon, was und wie wir sein wollen und versuchen uns mit diesem Ego zu identifizieren und Kontrolle über uns zu erringen. Manchmal beschneiden wir durch dieses Verhalten unsere spontane Lebendigkeit zu sehr. Wir leben das Leben nicht mehr, sondern streben nur noch danach, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, bzw. einem bestimmten Bild zu entsprechen, wir sind unglücklich (wobei Glück sowieso ein „seltener, hart zu erarbeitender und instabiler Zustand ist“), sondern sind nur damit beschäftigt, das Ziel, glücklich zu sein, zu erreichen.

 

Ein authentischer Mensch ist nicht an bestimmte Muster gebunden. Das Muster selbst ist lediglich Werkzeug. Zwischen gespielter Rolle und Authentizität können Welten klaffen. Welche Rolle dem Rollenspiel zukommt und welche Bedeutung dem authentischen Ausdruck des Individuums, hängt zu einem großen Teil von der kulturellen Prägung ab. Kulturkreise, die dem Individuum Bedeutung zugestehen, ermutigen autonomen Selbstausdruck. Kulturkreise, deren oberstes Ziel in der Anpassung des Einzelnen an gesellschaftliche Normen liegt, fördern Rollenspiele.

 

In Europa gab es die Aufklärung. Ihre Nachwirkungen schützen das Individuum vor pseudoreligiöser Willkür und Verfügbarkeit. Hätte die Aufklärung die Macht der biblischen Tradition nicht eingeschränkt, wäre es für jede Einzelne auch heute noch gefährlich, aus verordneten Rollen auszubrechen und sie selbst zu sein.

 

Kleinkinder sind immer authentisch. Sie bringen ihr Wesen ohne planende Absicht zum Ausdruck. Sind sie froh, lachen sie. Sind sie traurig, weinen sie. Sind sie wütend, brüllen sie. Sind sie müde, schlafen sie. Zwischen ihnen und der Welt gibt es ein ungestörtes Wechselspiel.

 

 

 

MUTTER-, VATERROLLE & INTEGRITÄT

Jesper Juul beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Beziehungen zwischen Kindern und Eltern. Er hat dazu mehrere Bücher veröffentlicht – ein paar Gedanken aus seinem Buch „Leitwölfe sein, Liebevolle Führung in der Familie“ möchte ich hier kurz vorstellen.

 

Natürlich führt die Einteilung von Frauen und Männern in Kategorien dazu, dass man eine Vielzahl von Nuancen und Komplexitäten weglässt. Beide Geschlechter sind Menschen und haben viele existentielle Themen gemeinsam. Auch wenn es von Land zu Land unterschiedlich ist, machen die meisten Männer ihre Identität noch immer in erster Linie an ihrer Rolle als Versorger fest und die Frauen an ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau.

 

Die Männer haben es geschafft, einen Großteil der politischen, ökonomischen und sozialen Macht zu erlangen und für sich zu behalten. Die Rolle als Versorger bewirkte, dass die Männer 90% ihrer Zeit, in der ihre Kinder wach waren, nicht zu Hause waren. Wenn sie zuhause waren, bestand ihre Rolle oft darin, Strafen zu verteilen und/oder als Spielkameraden und als Lehrer zu fungieren. Ihre einzige Belohnung war es, dankbare und unterwürfige Frauen und Kinder zu haben. Um der Rolle des Versorgers gerecht zu werden, musste die Mehrheit der Männer über einen langen Zeitraum hinweg „emotionalen Selbstmord“ begehen.

 

Auch wenn die Geschichte der Frauen in vielerlei Hinsicht ähnlich verlaufen ist, unterscheidet sie sich in einem Punkt gravierend. Frauen haben Zuflucht gefunden im Beisammensein mit ihren Kindern und mit anderen Frauen und das hat ihnen ermöglicht, emotional lebendig, empfindsam und empathisch zu bleiben. Die gut ausgebildete und starke Frau von heute gibt sich mit einem Partner, der in erster Linie „Versorger“ ist, nicht zufrieden. Sie kann sich selbst versorgen, und sie kann sogar Kinder empfangen, ohne dass ein Mann beteiligt sein muss. Eine Voraussetzung für ihre Entscheidung, eine traditionelle Kernfamile oder eine Partnerschaft zu gründen, ist, dass ihr Wunsch nach Nähe, Empathie, Leidenschaft und gefühlsmäßigem Austausch erfüllt wird.

 

Väter haben erst in jüngerer Zeit begonnen, ihre Rolle als Partner und Vater neu zu definieren und nicht mehr nur die Rolle des Ernährers und Versorgers zu erfüllen. Verantwortlichkeit kann man nicht aufteilen. Wenn man wirklich gemeinsam für seine Kinder verantwortlich sein möchte, heißt das, dass jeder Elternteil zu hundert Prozent verantwortlich ist. Eltern sollten voneinander und von ihren Kindern lernen.

 

In heutigen Gesellschaften kann es schwer sein, ein Gleichgewicht zwischen Vater und Mutter zu finden. Frauen wollen oder müssen arbeiten gehen, während gleichzeitig die allgemeine (gesellschaftliche, mediale) Forderung da ist, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Oder es wird ein traditioneller Lebensstil gelebt, bei dem die Frau zuhause bleibt, während der Partner längere Arbeitszeiten auf sich nimmt, um die Familie ernähren zu können. In den meisten Fällen baut sich langsam eine Zeitbombe auf, die aus Frustration und Einsamkeit besteht und die zu emotionaler Armut und/oder Trennung führt. Das wertvollste Geschenk, das wir unseren Kindern geben können ist es, uns gut um uns selbst und um die Paarbeziehung zu kümmern.

 

Wenn es um die Mutterrolle geht, lässt es sich leicht erklären, warum sie oft in Selbstaufopferung endet, denn diese ist eine Grundvoraussetzung, um das Überleben eines Kindes zu ermöglichen – aber nur in den ersten 18 Monaten! Danach ist es Zeit, die eigenen Grenzen und Bedürfnisse wieder einzufordern und – was noch wichtiger ist – diese noch besser kennenzulernen in der Entwicklung der Beziehung zum Kind. Die selbstzerstörerische Liebe, welche von vielen Frauen gelebt wird, ist mit einem hohen Preis verbunden. Die Belohnung der Selbstaufopferung existiert nur in der Phantasie und die Enttäuschung ist selbst verschuldet. Integrität zu opfern, ist keine Liebe; es ist ein Opfer und es beeinflusst alle Mitglieder einer Familie in einer negativen Weise, auch wenn dieses Opfer aus Liebe gebracht wird.

 

Viele von uns sind in eine Rolle gezwungen und manipuliert worden und sind bemüht, allen zu gefallen, sich „richtig“ zu verhalten. Das ist im Prinzip in Ordnung und zerstört weder die eigene Lebensqualität noch enge Beziehungen. Negativ ist es, wenn wir nicht wählen können, wann wir nett, höflich und sozial sind und wann wir wirklich wir selbst, authentisch und präsent sein wollen. Viele fühlen sich verloren, unfähig, die Erwartungen von Familie und Gesellschaft zu erfüllen und schränken damit die Lebenskompetenz ein.

 

Beliebt und gemocht zu werden, ist einfach. Mit sich selbst zufrieden zu sein und sich selbst zu mögen, ist viel schwerer. Die Möglichkeit, die eigene Lebensqualität zu verbessern, Eigenverantwortung zu übernehmen, Vor- und Nachteile abzuwägen, ist ein Privileg und der Schritt hin zu einer erfolgreichen Führung in der Familie.

 

 

http://www.seele-und-gesundheit.de/psycho/psychologische-rollen.html
Strenger, Carlo: Abenteuer Freiheit. Ein Wegweiser für unsichere Zeiten.
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Integrität, Mutterrolle, Persönlichkeit, Rollen, Vaterrolle, Wie viele bin ich?